„Mein Spanisch ist nicht perfekt, aber die Leute wissen, dass ich von hier bin“ sagte vor Jahren eine liebe Freundin als wir zusammen auf Teneriffa waren. Der erste Teil ihrer Aussage stimmt definitv nicht und ist eher unter Understatement zu verbuchen. Der zweite Teil dagegen ums so mehr. Seit ihrer Kindheit, in der sie u.a. einige Jahre in die spanische Vorschule gegangen ist, kommt sie regelmäßig nach Teneriffa. Bis jetzt also Jahrzehnte. Und das färbt ab, hörbar. Woran das liegt? Der kanarische Dialekt.

Auch in unser Spanisch hat sich diese regionale Variante mittlerweile eingeschlichen: Jens und ich hatten beide keinen Spanisch-Unterricht in der Schule. Wir haben uns die Sprache in den letzten Jahren per Sprachlern-App und Tandem-Unterricht mit unserem Freund draufgeschafft, einem waschechten Canario. Und dann ist ja noch der Kleinstadt-Alltag: der Schnack im örtlichen Fitness-Studio, beim Einkauf im kleinen Supermarkt an der nächsten Ecke und natürlich auf der Straße mit den Nachbarn. Auf höchst charmante Weise wird die Aussprache korrigiert bis es passt; nach lokalem Canario-Standard. Und häufig fällt der Satz „ Jen, Jutta …. so sagen wir hier nicht. Wir sagen …“ und zack, schon wieder eine neue Kanaren-typische Vokabel oder ein Sprichwort gelernt.

Das kanarische Spanisch: das sind die Wurzeln

Das Kanarische Spanisch ist eine auf den Kanarischen Inseln gesprochene Variante des Spanischen. Es entstand nach der Eroberung und geht bis heute im Wesentlichen auf diese Wurzeln und Einflussstränge zurück:

 

 Andalusisch‑extremadurische Wurzeln

  • viele Eroberer und Siedler kamen im 15. und 16. Jahrhundert aus West‑Andalusien und der Extremadura
  • dadurch ähnelt das kanarische Spanisch bis heute eher dem heute in Andalusien und in vielen Teilen Lateinamerikas gesprochenen Spanisch als der offiziellen Amtsprache (Castellano)
    • insbesondere Aussprache: Seseo (die Konsonanten s und z werden als scharfes s ausgesprochen, wogegen z im Hochspanischen wie das scharfe englische th gesprochen wird)
    • und Grammatik (Verzicht auf die 2. Person vosotros, stattdessen Verwendung der 3. Person Plural) prägten das Spanisch auf den Inseln stark

    Portugiesischer Einfluss

    • schon kurz nach der kastilischen Eroberung ließen sich zahlreiche Portugiesen auf den  Kanarischen Inseln nieder, besonders in der Landwirtschaft (Anbau von Zuckerrohr und Wein) und Fischerei
    • das Portugiesische ist die Sprache, aus der die meisten Fremdwörter ins kanarische Spanisch übernommen wurden (z.B. zahlreiche Alltags‑ und Seefahrtsbegriffe wie Mojo für Sauce).

    Guanchen‑Einflüsse

    • die Ureinwohner der Kanarischen Inseln sprachen verschiedene Dialekte der Berbersprachen, die heute oft als Guanche zusammenfasst und als amazighe insular bezeichnet werden
    • nach der Eroberung verschwanden diese Sprachen weitgehend auf dem Archipel. setzte eine starke Akkulturation ein, und diese Sprachen verschwanden fast vollständig vom Archipel
    • heute sind fast nur noch Wörter wie Namen von Pflanzen und Tieren, Begriffe aus der Viehzucht sowie viele Orts- und Personennamen zu finden (Gofio, Anaga und Güímar, Yonay)

        Atlantische und hispanoamerikanische Einflusse

        • seit dem 15./16. Jahrhundert waren die Kanaren ein Zwischenstopp auf dem (Handels)Weg nach Amerika
        • Aus- und Rückwanderungswellen  in die Karibik (vor allem Cuba) und nach Venezuela führte zu einem engen Austausch zwischen den Sprechweisen
        • dadurch verstärkten sich Merkmale, die das Kanarische mit vielen amerikanischen Varianten des Spanisch teilen, etwa bestimmte Laute, Intonationsmuster und Präferenzen (z.B. die häufigere Verwendung des Pretérito indefinido statt des Pretérito perfecto compuesto)

          Weitere

          • Daneben gibt es noch weitere, jedoch untergeordnete Einflüsse wie Arabisch und Anglizismen. Diese gehen auf die jahrhundertelangen Beziehungen zur Sahara bzw. auf die Handelspräsenz englischer Unternehmen auf dem Archipel im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück.

          Sprachkenntnisse versus Vor-Ort Erfahrung

          Sprachen lernen mit Apps ist super, spanische Filme oder Serien in Originalsprache schauen auch. Aber wie ist das Hörverständnis im echten Leben? Auf Teneriffa? Es könnte sein, dass du erstmal wenig verstehst und dich einhören musst. So ging es uns zumindest.

          Grundsätzlich klingt das Spanisch auf Teneriffa weicher, melodischer als das offizielle Spanisch (Castellano) und ist sehr angenehm zu hören. Es stellt einen aber vor zusätzliche Herausforderungen, da u.a. Laute und Endungen verschluckt, Wörter zusammengezogen sowie das S und Z am Ende bestenfalls als H gehaucht werden (z.B. Santa Cru statt Santa Cruz, Jen anstatt Jens). Dazu kommt, dass häufig rasend schnell gesprochen wird.

          Manchmal auch alles zusammen. Als wir noch relativ neu auf der Insel waren und die Sprachkenntnisse entsprechend ausbaufähig waren, fragte uns unser Fensterbauer z.B. ¿Novemoenlafietadelorealejo? Ja, gefühlt war es exakt ein Wort. Hat einen Moment gedauert … ah: ¿Nos vemos en la fiesta de Los Realejos? Siiiii!

          Egal ob du für eine Reise, als Digital Nomad oder als Langzeiturlauber auf Teneriffa bist: Hier kommt der simpelste und wichtigste Alltagstrick, der hilft die Einheimischen besser zu verstehen.

          Ein regelmäßig eingestreutes „más despacio, por favor“ (langsamer bitte) bewirkt Wunder. Denn meist wird nicht nur langsamer gesprochen, sondern meist auch deutlicher artikuliert, wodurch die einzelnen Wörter für dich klarer zu erkennen sein werden. Und nach kurzer Zeit wird dein Gehirn darauf eingestellt sein, die verschwundenen S bzw. Z Laute einfach dazuzudenken bzw. am gehauchten h zu erkennen.

          Kommen wir direkt zur nächsten Herausforderung: dir werden Wörter begegnen, die du vermutlich noch nie außerhalb der Kanarischen Inseln oder in einem spanischsprachigem Film gehört hast. Hier einige wichtige, die dir während eines Urlaubs begegnen könnten:

          • Papas (Kartoffeln, im Castellano Patatas)
          • Durazno (Pfirsich, im Castellano Melocotón )
          • Gofio (geröstetes Mehl, geht auf die Guanchen zurück)
          • Lapas (Napfschnecken)
          • Gua Gua (Bus)
          • Cholas (Flip Flops)
          • Guiri (ausländischer Tourist)
          • Godo (Bezeichnung für Spanier vom Festland)
          • Calufa (extreme Hitze, z.B. bei Calima)

          Mehr als 5000 typische Ausdrücke soll es im Kanarischen Spanisch geben und es heißt, das lateinamerikanische Spanisch steht den Canarios näher als das offizielle Castellano. So gilt das Kanarische Spanisch auch als español atlántico (Atlantisches Spanisch), dass das andalusische, kanarische und das mittel- bzw. süd-amerikanische  Spanisch zusammenfasst.

          Und um so viele Besonderheiten zu schützen, wurde 2002 die Academia de la Lengua Canaria eröffnet, die seitdem über die Reinheit der Kanarischen Sprache wacht.

          Anekdötchen: Der Buchstabe S und ein kleines Missverständnis

          Klingt wie ein schlechter Scherz, da sogar ein Sprachführer dieses Missverständnis aufgreift, ist uns aber tatsächlich passiert.

          Isidro vom kleinen Supermarkt um die Ecke warnte vor, dass der Laden ausnahmsweise mal über das Wochenende geschlossen sein würde, da seine Frau und er nach La Palma reisen würden. Darauffolgende Woche, gleicher Ort. Jens fragte nach, wie es denn auf La Palma war und ob die beiden den neuen Vulkan Tajogaite besichtigt hätten.

          Ein Blick in fragende Augen. Auf La Palma? „Ne, wir waren doch in La Palma“. Und nach einem kurzen Moment ein mit dickem Grinsen und allen vorhandenen S nachgeschobenes „Las Palmas de Gran Canaria – wir waren in der Stadt.“

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