Wer auf den Kanarischen Inseln unterwegs ist, muss nicht lange suchen, um ihnen zu begegnen. Zwischen Lavagestein, Mauern und trockenem Buschwerk huschen sie davon, sonnen sich auf warmen Felsen oder schauen kurz aus einer Felsspalte hervor: die Kanareneidechsen der Gattung Gallotia.

Aber Moment: Die Kanaren liegen mitten im Atlantik, das nächste Festland Hunderte Kilometer entfernt. Wie bitte sind die Eidechsen über das offene Meer auf die Inseln gekommen?

Die Antwort führt Millionen Jahre in die Vergangenheit zurück und zeigt, wie spektakulär Evolution auf Inseln funktionieren kann.

Wie die Kanareneidechsen den Archipel eroberten.

Die Geschichte der Kanareneidechsen beginnt mit einer Reise, die für eine kleine Eidechse eigentlich kaum vorstellbar ist: einer Überquerung des Meeres.

Eine Reise auf einem „Rettungsboot“

Die Kanarischen Inseln sind vulkanischen Ursprungs. Sie entstanden unabhängig voneinander im Atlantik und waren nie durch eine Landbrücke mit dem afrikanischen Festland verbunden. Für die Vorfahren der heutigen Gallotia-Eidechsen gab es deshalb keinen gemütlichen Weg über Land.

Woher sie kamen, lässt sich aus ihren Verwandtschaftsverhältnissen ableiten. Ihre nächsten Verwandten gehören zur den Sandläufern (Psammodromus), eine Gattung innerhalb der Familie der Echten Eidechsen, die in Südeuropa und Nordwestafrika vorkommt.

Wahrscheinlich stammten auch die Vorfahren von Gallotia aus dieser Region. Sie  gelangten vermutlich über natürliche Fernverbreitung auf den Kanaren: ein Stück Holz, ein entwurzelter Baum oder eine schwimmende Vegetationsinsel könnte für die Tiere oder zumindest ihre Eier als eine Art „Rettungsboot“ gedient haben. Solches Treibgut kann vom Wind und von Meeresströmungen weit verdriftet werden.

Eine Reise mit äußerst schlechten Erfolgsaussichten. Die Eidechsen mussten überhaupt ins Wasser geraten, die lange Fahrt auf dem schwimmenden Untergrund und das salzige Meerwasser überleben, um schließlich eine Insel erreichen, auf der sie Nahrung und geeignete Lebensbedingungen fanden. Sehr viele wenn und aber … Wen wundert’s dass Forschende heute davon ausgehen, dass es ursprünglich ein einziges Besiedlungsereignis über das Meer gab.

Der Anfang lag im Osten

Wann und in welcher Reihenfolge sich Gallotia auf dem Archipel ausbreitete, lässt sich heute relativ gut aus genetischen und geologischen Daten  rekonstruieren. Die erste Besiedlung der Kanaren wird auf das Miozän datiert, wahrscheinlich auf einen Zeitraum vor etwa 17 bis 20 Millionen Jahren.

Zu dieser Zeit ragten Fuerteventura und Lanzarote, die ältesten heute noch existierenden Inseln, bereits als Landmassen aus dem Meer. Die westlichen Inseln dagegen waren noch nicht als die heutigen Inseln ausgebildet. Einige von ihnen befanden sich jedoch bereits in Form älterer unterseeischer oder später miteinander verschmolzener Vulkanstrukturen in Entwicklung.

Gallotia atlantica on Lanzarote, June 2013 (4)

Jede Insel schreibt ihre eigene Geschichte

Nachdem die Vorfahren von Gallotia die ersten östlichen Inseln besiedelt hatten, begann eine schrittweise Ausbreitung durch den Archipel. Vermutlich wurden neue Inseln nicht in einer einzigen Wanderungsbewegung besiedelt, sondern nacheinander – immer dann, wenn geeignete Landmassen durch die jüngeren westlichen Inseln entstanden und von den Eidechsen erreicht werden konnten.

Es einer der faszinierendsten Aspekte der Kanaren: Jede Insel bietet andere Bedingungen. Auf trockenen Vulkanhängen herrscht ein anderes Klima als in höheren, feuchteren Regionen. Nahrung, Vegetation und Lebensräume unterscheiden sich stark. Daran mussten sich die eingewanderten Eidechsen anpassen, was spannende Folgen hatte.

Aus den ursprünglichen Einwandererpopulationen entstanden unterschiedliche Insel-Linien

Wenn eine kleine Gruppe von Eidechsen über lange Zeit von anderen Populationen getrennt lebt, kann sie sich allmählich verändern. Über Generationen und Jahrmillionen hinweg wirkten zufällige Mutationen, natürliche Selektion natürliche Selektion und die besonderen Bedingungen ihrer neuen Heimat zusammen. So entstanden im Laufe der Zeit verschiedene Linien der Kanareneidechsen und sogar eigenständige Arten. Aus einer ursprünglichen Einwanderung entwickelte sich eine bemerkenswerte Vielfalt, die heute über mehrere Inseln verteilt ist.

Die Wissenschaft versucht, diese Geschichte aus zwei großen Spuren zu rekonstruieren: aus dem Alter und der Lage der Inseln und aus den genetischen Verwandtschaften der Eidechsen. Daraus entsteht eine Art Landkarte der Evolution – allerdings keine Karte mit exakt eingezeichneten Reiserouten. Denn bei einigen Stationen lässt sich heute nicht mehr eindeutig sagen, welchen Weg die Tiere tatsächlich genommen haben.

 Von den östlichen Inseln nach Gran Canaria

Gran Canaria wurde wahrscheinlich vor etwa 11 bis 13 Millionen Jahren von den östlichen Inseln Fuerteventura und Lanzerote aus besiedelt. Dort entwickelte sich die Gran-Canaria-Rieseneidechse (Gallotia stehlini). Der Name sagt es bereits, eine besonders großwüchsige Kanareneidechse.

Gallotia stehlini EM1B3620 (33805433958)

Gran-Canaria-Rieseneidechse (Gallotia stehlini).
Bengt Nyman from Vaxholm, Sweden, CC BY 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/2.0>, via Wikimedia Commons

Die Art gehört zu einem größeren Seitenzweig des Stammbaums. Ihre Entwicklung zeigt, dass sich die Eidechsen nach der Ankunft auf einer Insel nicht einfach unverändert fortpflanzten und wie stark sich isolierte Inselpopulationen im Hinblick auf Körpergröße, Lebensweie und genetische Identität verändern können.

Wer heute eine solche Eidechse beobachtet, sieht deshalb nicht einfach eine Variante eines Tieres vom afrikanischen Festland. Er sieht das Ergebnis einer sehr langen Entwicklung, die unter den besonderen Bedingungen einer Vulkaninsel stattfand.

 Der Sprung nach Westen

Vor etwa 9 bis 10 Millionen Jahre gelangte eine weitere Gallotia-Linie in den westlichen Teil des Archipels. Doch hier wird die Geschichte unschärfer. Die genetischen Daten lassen vermuten, dass die Tiere entweder La Gomera oder einen damaligen Insel- beziehungsweise Vulkan-Komplex im Gebiet des heutigen Teneriffa erreichten.

Welche dieser Möglichkeiten tatsächlich zutrifft, lässt sich nicht eindeutig entscheiden. Gesichert scheint dagegen zu sein, dass die Tiere von den östlichen Kanareninseln Lanzarote/Fuerteventura kamen, nicht etwa von der näher gelegenen Insel Gran Canaria.

Im westlichen Inselbereich bildeten sich zwei größere Entwicklungslinien heraus:

Ihre gemeinsame Entwicklungslinie reicht wahrscheinlich etwa 5 bis 6 Millionen Jahre zurück.

Eine evolutionäre Landkarte

Forschende rekonstruieren die Besiedlungsgeschichte von Gallotia, indem sie genetische Stammbäume mit dem geologischen Alter und der Lage der Inseln vergleichen. Besonders wichtig waren zunächst Untersuchungen der mitochondrialen DNA. Neuere Studien ergänzen diese Daten durch umfangreichere Genomanalysen, so dass folgende Besiedlung angenommen wird:

Besiedlungsschritt Route Geschätzter
Zeitrahmen
Schlüsselarten
Erste Ankunft Afrika → östliche Inseln Lanzarote/Fuerteventura ~ 17–20 Mio. Jahre G. atlantica
Knotenpunkt Östliche Inseln → Gran Canaria ~ 11–13 Mio. Jahre G. stehlini

Ausbreitung nach Westen

 

Lanzarote/Fuerteventura →
La Gomera oder ein damaliger Insel-/Vulkan-Komplex des heutigen Teneriffa
~ 9–10 Mio. Jahre

westliche Zweige (Kladen)

 

Aufspaltung innerhalb der westlichen Zweige damaliger Insel-/Vulkan-Komplex des heutigen Teneriffa
 La Gomera
~ 3 Mio. Jahre G. intermedia, G. gomerana, G. simonyi, G. galloti und G. caesaris
Jüngste Inseln → La Palma, → El Hierro < 1,8 Mio. Jahre G. galloti, G. caesaris

Knoten (Node): Der Verzweigungspunkt im Stammbaum, der einen gemeinsamen Vorfahren darstellt.
Klade (Clade): Eine geschlossene Abstammungsgemeinschaft (eine evolutionäre Gruppe).

Die Zeitangaben sind Schätzungen aus molekularen Stammbäumen. Sie beschreiben vor allem den Zeitpunkt, an dem sich genetische Linien voneinander trennten. Dieser Zeitpunkt muss nicht exakt mit der Ankunft einer Population auf einer Insel übereinstimmen.

Teneriffa als wichtiger Ausgangspunkt für die Westkanareneidechse

Teneriffa spielt in der Geschichte der Westkanareneidechse (Gallotia galloti) eine besondere Rolle. Ältere Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Art dort eine wichtige Entwicklungsphase durchlief.

Von Teneriffa aus könnte sich die Linie anschließend in verschiedene Richtungen ausgebreitet haben. Rekonstruktionen legen unter anderem eine Verbindung nach La Palma im Norden sowie über La Gomera in Richtung El Hierro im Süden nahe.

Doch auch hier gilt: Eine solche Rekonstruktion ist eine wissenschaftliche Hypothese, keine beobachtete Wanderung. Die Eidechsen haben keine Fußspuren hinterlassen, denen man heute über den Atlantik folgen könnte. Was sich dagegen deutlich zeigt, ist das Ergebnis dieser langen Entwicklung: Auf den Inseln entstanden eigenständige Populationen und Arten, die jeweils ihre eigene evolutionäre Geschichte erzählen.

Auf Teneriffa selbst entstanden verschiedene Unterarten der Westkanareneidechse, die heute unterschiedlich aussehen und unterschiedliche Lebensräume besiedeln. Mehr Infos zum Aussehen und zu den unterschiedlichen Lebensräumen der heute auf Teneriffa lebenden Arten findest du in unserem Artikel Eidechsen auf Teneriffa.

La Palma: Die Insel war schon da, die Eidechse noch nicht

Die Insel La Palma entstand vor etwa 1,77 Millionen Jahren. Die Vorfahren der dort lebenden Gallotia-Population kamen aber wahrscheinlich erst mehr als eine halbe Million Jahre später an.

Das zeigt, dass die Entstehung einer Insel und ihre biologische Besiedlung zwei voneinander unabhängige Vorgänge sind. Eine neu entstandene Vulkaninsel kann über längere Zeit existieren, bevor eine bestimmte Tier- oder Pflanzenlinie sie erreicht.

El Hierro: hier ging es schnell

Auch El Hierro entstand erst vor vergleichsweise kurzer Zeit, vor ungefähr 1,12 Millionen Jahren. Dort könnte Gallotia caesaris die neue Insel dagegen relativ bald nach ihrer Entstehung erreicht haben.

Warum die Besiedlung einer neuen Insel mal schneller und mal langsamer dauerte, hängt von vielen Faktoren ab: von der Entfernung zwischen den Inseln, von Meeresströmungen und Wind, von verfügbarem Treibgut und nicht zuletzt davon, ob eine neu entstandene Insel überhaupt einen geeigneten Lebensraum bot.

Eine neue Art auf La Palma?

Eine 2026 veröffentlichte Studie hat die evolutionäre Stellung der Westkanareneidechsen auf Teneriffa und La Palma mit modernen genomischen Methoden erneut untersucht. Dabei fanden die Forschenden deutliche genetische und morphologische Unterschiede zwischen den Populationen. Besonders die Population auf La Palma, die traditionell als Unterart Gallotia galloti palmae geführt wurde, erwies sich als klar abgegrenzte evolutionäre Linie

Die Autoren schlagen deshalb vor, diese Linie als eigenständige Art, Gallotia palmae, anzuerkennen. Damit würde die bisherige Unterart Gallotia galloti palmae den Rang einer eigenen Art erhalten.

Die taxonomische Einordnung befindet sich allerdings noch in einer Phase der Aktualisierung, sodass nicht alle Datenbanken und Quellen bereits dieselbe Bezeichnung verwenden.

Eidechsen: Evolution am Wegesrand

Eidechsen erinnern uns daran, dass die Kanaren mehr sind als eine Landschaft aus Vulkanen und Meer. Manchmal reicht dafür ein kurzer Moment am Wegesrand. Eine Eidechse sonnt sich auf schwarzem Lavagestein. Unscheinbar. Und doch trägt sie eine Geschichte in sich, die vor rund 20 Millionen Jahren begann.

Eidechse Männchen sitzt auf einem Stein auf Teneriffauf
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