Bei Güímar wurden 49 außergewöhnlich gut erhaltene Cardónes (Kanaren-Wolfsmilch) entdeckt, die bei einem Vulkanausbruch vor rund 312.000 Jahre verschüttet und in ihrer ursprünglichen, aufrechten Wuchsposition fossilisiert wurden.
Warum ist die Entdeckung so spektakulär?
Weltweit gibt es bisher nur wenige vergleichbare Funde, weil sukkulente Pflanzen nur selten als Fossilien erhalten bleiben. Noch seltener sind fossile, aufrecht stehende Stängel dieser Pflanzen.
Bisher gibt es weltweit nur einen bekannten Fund: kaktusähnliche fossile Stammabdrücke, die in Texas (USA) gefunden wurden und in Sedimentgestein aus der Kreidezeit (Albium) erhalten geblieben sind.
Die Fossilfunde der Cardónes auf Teneriffa sind besonders außergewöhnlich, weil sie durch Ablagerungen eines explosiven Vulkanausbruchs konserviert wurden – und das teilweise in aufrecher Position, also genau so wie sie wuchsen. Zudem sind die Cardón-Fossilien von Guimar außergewöhnlich zahlreich (unglaubliche 49 Exemplare) und detailreich erhalten.
Was sind Fossilien?
Fossilien sind Überreste oder Spuren von Organismen, die in Gesteinen erhalten geblieben sind und Einblicke in vergangene Lebensformen und Ökosysteme bieten.
Die Entstehung von Fossilien hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter
- die schnelle Einbettung
- Sauerstoffarmut und mineralische Prozesse, die den Zerfall verhindern.
Was bedeutet fossilieren?
Fossilisieren bezeichnet den Prozess, bei dem organische Überreste (Tiere, Pflanzen) über geologische Zeiträume zu Fossilien werden, oft durch Mineralisierung, Versteinerung oder Einschluss.
Warum fossilieren Sukkulente nicht?
Die Hauptgründe, warum fossile Sukkulente extrem selten sind:
- Sukkulente sind Wasserspeicherpflanzen. Bei ihrem Tod zersetzen sie sich sehr schnell durch Fäulnis, bevor eine Fossilierung (Mineralisierung) stattfinden kann.
- Im Gegensatz zu z.B. Bäumen haben Sukkulenten kaum holzige oder cellulosehaltige Strukturen, die sich über lange Zeiträume stabilisieren und versteinern können.
- Die wasserreichen Blätter, Stängel und Stämme werden leicht und vollständig von Mikroorganismen zersezt.
Finden sich doch fossile Sukkulenten oder ihre Abdrücke, sind sie ein seltener Glücksfall!
So wurden die Cardónes fossiliert
Die Pflanzen wurden bei einem explosiven Vulkanausbruch zuerst mit feuchter Asche eingehüllt. Danach wurden sie immer wieder von heißen Asche- und Gesteinslawinen sowie herabfallendem Material aus der Luft überdeckt und schließlich vollständig begraben.
Aus der Orginalpublikation von M.C. Velasco-Flores et al. (2026) Darstellung der Prozesse, die zur Entstehung und Erhaltung der Fossilien am Fundort führten
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Durch die vollständige Bedeckung und anschließende Zersetzung der Stängel entstanden Abdrücke, bei denen die kleinen Blüten und Stacheln (F) sowie feine Oberflächenstrukturen wie Spaltöffnungen und Sekretkanäle (G) erhalten blieben.
Abbildungen aus der Orginalpublikation von M.C. Velasco-Flores et al. (2026) Fotos von E. canariensis, A–D: heutige Exemplare und E–H: fossile Exemplare.
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So entstand durch den Vulkanausbruch der „Schnappschuss“ eines ganzen Ökosystems aus dem Mittel‑Pleistozän.
Der Vulkanausbruch, der die Cardónes fossilierte
Die Pflanzenfossilien bildeten sich beim durch einen explosiven Ausbruch des Urvulkans Las Cañadas im Zentrum der Insel. Genauer gesagt im letzten großen Eruptionszyklus der Diego-Hernández-Formation.
Insgesamt bestand die Eruptionsgeschichte der Diego-Hernández-Formation aus einer komplexen Abfolge von Aschefalltuffen, Bimssteinablagerungen und Ignimbriten, die bei plinianischen Eruptionen zwischen 0,34 und 0,16 Millionen Jahren ausgestoßen wurde und sich weitläufig im Süden und Südosten der Insel verteilte.
Die außergewöhnlichen Funde zeigen: Der Vulkan brach im Frühling aus
Anhand der Ablagerungen konnten die Forschenden bestimmen, dass der gewaltige Ausbruch des alten Zentralvulkans vor etwa 312.000 Jahren stattfand. Zudem zeigen die fossilen Blüten, dass der Ausbruch im Frühjahr bis Frühsommer stattfand – zur Blütezeit des Cardón.
Was die Pflanzenfossilien noch erzählen
Vom Zeitpunkt des Ausbruchs vor 312.000 Jahren bis heute hat sich die Vegetation im Fundgebiet gewandelt.
Damals war die Vegetation an der Fundstelle in ca. 300 Metern Höhe geprägt vom Cardón und thermophilen Waldes auf basischem (basaltischem) Untergrund. Heute dominiert in der gleichen Region Tabaibal dulce und die Cardónes wachsen erst ab 500 m Höhe – außer der Untergrund besteht aus Basaltsubstraten, dann sind sie auch unterhalb von 500 m zu finden.
Diese Veränderung ist auf die Veränderung des Lebensraums nach dem Ausbruch zurückzuführen: von einem basaltischen Substrat, auf dem Cardón-Buschland wuchs, zu einem kieselhaltigen Substrat, das die Ansiedlung von süßem Tabaiba-Buschland begünstigt,
Die Funde sind für die heutige Zeit relevant – und bedroht
Die Studie gibt einen Einblick, wie Arten und Lebensräume auf dramatische Störungen reagieren und sich anpassen – etwas von größter Bedeutung im aktuellen Kontext der Klimakrise und des Verlusts der biologischen Vielfalt.
Obwohl der Fundort einen hohen wissenschaftlichen, kulturellen und ökologischen Wert hat, ist er momentan nicht als Schutzgebiet ausgewiesen und könnte durch geplante Infrastrukturmaßnahmen (u. a. die Errichtung eines Windparks) gefährdet werden.
Quellen und Links
- https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0034666726000370
- https://www.zobodat.at/pdf/CAR_178_98_0239-0253.pdf
- https://www.eldebate.com/ciencia/20260314/volcan-tenerife-congelo-ecosistema-hace-312000-anos-descubren-plantas-casi-intactas_395970.html
- https://www.larazon.es/sociedad/hallazgo-cardon-fosil-tenerife-revela-cambios-vegetacion-erupcion-hace-312000-anos_2026031369b45f2ad489bf782e194311.html
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