Wer an den Küsten von Teneriffa wandert, dem fällt immer wieder dasselbe Bild auf: knorrig-buschige Tabaiba (Euphorbia balsamifera) und säulenartige Cardón (Euphorbia canariensis) wachsen häufig direkt nebeneinander. Oder sogar verschachtelt miteinander.
Ist das Zufall? Nein, denn auch wenn die beiden Pflanzen auf den ersten Blick wie Konkurrenten um die Ressourcen an der kargen Küste wirken, verbindet sie tatsächlich ein überraschend enges Zusammenspiel.
Tabaiba: Pionierarbeit auf kargem Vulkanboden
Die Küsten Teneriffas sind geprägt von trockenen, kargen Lavaflächen. Hier hat die Tabaiba einen entscheidenden Vorteil: Sie ist eine typische Pionierpflanze, denn sie kann als eine der ersten Arten auf nährstoffarmen, heißen Böden Fuß fassen.
Tabaibas wachsen relativ niedrig und haben einen dichten, kompakten Wuchs. Sobald diese Pflanze wächst, verändert sie ihre Umgebung:
- sie spendet Schatten und mildert Temperaturunterschiede
- reduziert Wind und Verdunstung
- hält Feuchtigkeit im Boden
So schafft die Tabaiba um sich herum ein Mikroklima, in dem die Samen anderer Pflanzenarten besser keimen und die Jungpflanzen überleben können. Auch der Cardón nutzt diese verbesserten Startbedingungen und etabliert sich häufig unter oder neben Tabaiba-Sträuchern. In dieser geschützten Zone findet er bessere Bedingungen vor und kann sich entwickeln, ohne von Beginn an extremen Sonne, Wind und Trockenheit ausgesetzt zu sein.
Was ist der „Nurse‑Effekt“ und wie profitiert Cardón davon?
Der „Nurse Effect“ (auf Deutsch oft Ammenpflanzen-Effekt) beschreibt ein Phänomen, bei dem eine Pflanze anderen Pflanzen beim Wachsen hilft. Eine sogenannte Ammenpflanze (nurse plant) verändert ihre Umgebung so, dass es für andere Pflanzen leichter wird, dort zu keimen und zu überleben. Sie wirkt also wie eine Art „Schutz“ oder „Hilfegeber“.
Wie hilft eine Ammenpflanze?
In schwierigen Umgebungen, etwa in sehr trockenen oder nährstoffarmen Gebieten, wirkt die Ammenpflanze wie ein Schutzschild. Durch ihre bloße Anwesenheit verbessert sie die Bedingungen unter ihrem Blätterdach, indem sie beispielsweise:
- Mikroklimatische Bedingungen mildert: Sie spendet Schatten und reduziert die Verdunstung, wodurch es für die „geschützte“ Pflanze kühler und feuchter bleibt.
- Bodenqualität verbessert: Durch ihren Schatten oder die Anreicherung von Nährstoffen durch herabfallendes Laub schafft sie einen nährstoffreicheren und stabileren Standort.
Dadurch haben andere Pflanzen bessere Chancen, zu wachsen.
Was passiert danach?
Wenn die unterstützten Pflanzen (facilitated plants) größer werden, gibt es zwei mögliche Entwicklungen:
- Verdrängung (Sukzession)
Die neue Pflanze profitiert so stark, dass sie die Ammenpflanze im Laufe der Zeit verdrängt. - Zusammenleben (Koexistenz)
Beide Pflanzen bleiben langfristig nebeneinander bestehen, wenn die Beziehung für beide neutral oder sogar vorteilhaft ist.
Warum konkurrieren die beiden nicht stärker miteinander?
Tabaiba und Cardónes wachsen langfristig nebeneinander. Der Schlüssel dafür liegt in den Unterschieden der beiden Euphorbia-Arten.
Die Tabaiba dulce ist ein eher niedriger, dicht verzweigter und abgerundeter Strauch mit dickem, halbsukkulentem, knorrigem und stachellosem Stamm und normaler C3‑Photosynthese.
Der Cardón ist kaktusartig, hat bis zu 3 m hohen sukkulente vier- oder fünfeckige Stängel und verfügt über die Fähigkeit zum Crassulacean-Säure-Stoffwechsel, wodurch er besonders gut an extremen Wassermangel angepasst ist.
Diese Unterschiede führen zu weniger Konkurrenz um Wasser, Licht und Raum.
Tabaiba und Cardón sind alte Verwandte
Tabaiba und Carón haben eien gemeinsamen Vorfahren.
Tabaiba (Euphorbia balsamifera) und Cardón (Euphorbia canariensis) gehören beide zur Gattung Euphorbia, stammen jedoch aus unterschiedlichen Untergattungen (Rhizanthium bzw. Euphorbia). Ihre Abstammungslinien trennten sich vor über 35 Millionen Jahren und weisen innerhalb der Gattung die größte bekannte evolutionäre Distanzen zwischen zwei Arten auf.
Seit dieser frühen Trennung haben sich zahlreiche ökologische Unterschiede herausgebildet, die heute ein Nebeneinander in ähnlichen Lebensräumen ermöglichen.
E. balsamifera gilt als Relikt der trockenheitsangepassten tertiären Vegetation Nordafrikas, während E. canariensis auf den Kanarischen Inseln endemisch ist. Dies deutet darauf hin, dass sich beide Linien in unterschiedlichen Umweltkontexten entwickelten und ihre heutige ökologische Überschneidung erst lange nach der Artbildung entstand.
Tabaiba und Cardón nutzen dieselbe Fläche, aber auf unterschiedliche Weise. Dadurch können sie stabil nebeneinander bestehen und gemeinsam die typische Vegetation des Tabaibal‑Cardonal an Teneriffas Küsten prägen.
Wanderung zu Tabaibas und Cardónes
Noch gibt es auf Teneriffa Küstenbereiche mit größeren Beständen von Tabaibas und Cardónes. Aber sie werden immer weniger, weil die Küste immer weiter zugebaut wird.
Entdecken kannst du diese besonderen Pflanzen z.B. bei dieser abwechslungsreichen Küstenwanderung im wissenschaftlichen Schutzgebiet zwischen La Caleta und El Puertito.
Fazit: besser mit- als gegeneinander
Wenn du also auf Teneriffa beide Pflanzen nebeneinander siehst, blickst du nicht auf Konkurrenz, sondern auf Kooperation. In einer extremen Umgebung wie der Vulkanlandschaft zeigt sich: Überleben gelingt oft besser gemeinsam als allein. Wir Menschen können uns also eine Menge von der Natur abschauen …
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